Warnstreiks im öffentlichen Nahverkehr halten die Stadt Stuttgart und andere Regionen in Atem. Berufspendler sind verunsichert und zeigen sich zunehmend unverständlich gegenüber den Streikenden. Diese sehen die Arbeitsniederlegungen als notwendige Maßnahme, um Druck auf die Arbeitgeber auszuüben. Der Tarifexperte Hagen Lesch vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln äußert, dass die Forderungen nach einer Arbeitszeitverkürzung zwar verständlich sind, jedoch der Fachkräftemangel dadurch verschärft werden könnte. Viele Arbeitgeber und Beschäftigte müssen einen Balanceakt wagen, um sowohl die Attraktivität des Berufs zu steigern als auch ausreichend Personal zu sichern.

Laut SWR könnte eine Arbeitszeitverkürzung zudem zu einer Ausdünnung der Fahrpläne führen, insbesondere in ländlichen Gebieten. Lesch schlägt deshalb ein flexibles Optionsmodell vor, das es Arbeitgebern erlauben soll, Arbeitszeitverkürzungen anzubieten, während interessierte Mitarbeiter auch länger arbeiten können. Ziel dieses Modells ist es, den Mangel an Fahrern zu verringern und den Beruf attraktiver zu machen.

Struktur der Arbeitszeiten

Die Diskussion um die Arbeitszeiten geht über den öffentlichen Nahverkehr hinaus und betrifft viele Branchen. Kritik wird laut, dass der Fachkräftemangel nicht nur die Qualität der Dienstleistung beeinflusst, sondern auch die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten erheblich belastet. Eine gute Arbeitszeitgestaltung ist entscheidend für eine humane Arbeitsumgebung. Dies fördert nicht nur die Gesundheit der Mitarbeiter, sondern auch ihre Produktivität.

Eine GEW Analyse zeigt, dass zu lange Arbeitszeiten die Selbstbestimmung, Regeneration und die Work-Life-Balance der Beschäftigten negativ beeinflussen können. Gesundheitsgerechte Arbeitszeiten könnten nicht nur das Wohlbefinden der Mitarbeiter steigern, sondern auch die Kompetenz und Leistung im Beruf erhöhen. Zu den Anforderungen an gute Arbeitszeitgestaltung zählen unter anderem Vorhersehbarkeit und Planbarkeit der Arbeitszeiten sowie Flexibilität in der Selbst- und Mitbestimmung über die Arbeitszeiten.

Fachkräftemangel und Zukunft von Bus und Bahn

Der Fachkräftemangel im öffentlichen Nahverkehr ist besonders besorgniserregend. VDV berichtet, dass bis 2030 etwa 80.000 Beschäftigte aus der Baby-Boomer-Generation in den Ruhestand gehen werden. Um die Mobilitätsziele von Bund und Ländern zu erreichen, müssen bis dahin rund 110.000 neue Mitarbeiter eingestellt werden. Aktuell fehlen im ÖPNV bereits 20.000 Busfahrer und 3.000 Triebfahrzeugführer.

Diese demografische Entwicklung führt zu Alarmzeichen in der Branche: Der Altersdurchschnitt der Fahrer liegt über 50 Jahren, was die Situation weiter verschärfen könnte. Um dem entgegenzuwirken, ist der VDV der Ansicht, dass die Attraktivität der Verkehrsberufe gesteigert werden muss. Auch hier spielt die Gestaltung der Arbeitszeiten eine wichtige Rolle, um die Branche für neue Talente interessant zu machen.

In Stuttgart und darüber hinaus erfordert die Situation im öffentlichen Nahverkehr ein umfassendes Umdenken. Nur durch flexible und gesundheitsgerechte Arbeitszeiten kann die Qualität der Dienstleistung gesichert und der Fachkräftemangel erfolgreich bekämpft werden.