In der Esslinger Stadtkirche wird derzeit eine eindringliche Ausstellung präsentiert, die Frauen in der Prostitution eine Stimme gibt. Unter dem Titel „Echt entfremdet“ zeigt die Künstlerin Daniela Helfrich die Lebensrealitäten von Prostituierten aus dem Kreis Esslingen. Die Ausstellung läuft bis zum 27. Februar und beleuchtet die tiefgreifenden Themen Gewalt, Scham und Einsamkeit, aber auch die Sehnsüchte der Frauen nach Sicherheit und Liebe. Insgesamt werden zehn Geschichten von Prostituierten gezeigt, deren Lebensumstände häufig als prekär beschrieben werden. Das berichten die Stuttgarter Nachrichten und die Esslinger Zeitung.
Aktuelle Zahlen zeigen, dass im Kreis Esslingen 118 offiziell gemeldete Prostituierte und acht Bordelle existieren (Stand 2023). Experten schätzen jedoch eine hohe Dunkelziffer an nicht gemeldeten Prostituierten, was die Herausforderungen und die Gefahren in diesem Milieu weiter verstärkt. Viele Frauen sind in finanziellen Notlagen und berichten von Gewaltandrohungen, die sie zwingt, in der Prostitution zu arbeiten. Während einige Frauen von sich aus in dieses Gewerbe eingestiegen sind, bleibt der Druck von außen oft unübersehbar.
Persönliche Geschichten und gesellschaftliche Bedingungen
Die Geschichten, die in der Ausstellung erzählt werden, sind durchdrungen von persönlichen Erfahrungen und existenziellen Fragen. Eine Betroffene beschreibt ihr Leben als ein Mosaik aus Schmerz, Verlust, Zweifeln und Entscheidungen. Die Aussage „Die Haut vergisst nichts. Sie merkt sich jede Rolle, jede Verwechslung mit Liebe“ verdeutlicht den emotionalen Kampf, den viele dieser Frauen durchleben. Trotz ihrer unterschiedlichen Wege in die Prostitution berichten sie von ähnlichen Herausforderungen, die ihre Lebensqualität stark beeinträchtigen.
Weder die betroffenen Frauen noch die Veranstalterinnen der Ausstellung fordern ein Sexkaufverbot oder politische Maßnahmen. Stattdessen soll die Ausstellung die Lebenssituationen der Frauen in den Fokus rücken und gesellschaftliche Reflexion anstoßen. Eine Rahab-Beraterin hebt hervor, dass sich in der Gesellschaft etwas ändern muss, ohne eine Seite zu wählen. Es geht darum, die Bedürfnisse und Anliegen der Frauen zu verstehen, die sich oft auf behördliche Anträge und medizinische Versorgung beschränken.
Hotspots der Prostitution
Die Ausstellung beleuchtet auch die geografischen Aspekte der Prostitution im Kreis Esslingen, zu den Hotspots gehören Leinfelden-Echterdingen, Nürtingen und Esslingen selbst. Für die Prostituierten ist es oft notwendig, mindestens vier Freier pro Tag zu gewinnen, um ihre laufenden Kosten zu decken. Diese wirtschaftliche Realität unterstreicht die drängenden Probleme, mit denen die Frauen konfrontiert sind.
Die Ausstellung „Echt entfremdet“ ist nicht nur ein künstlerisches Projekt, sondern ein Aufruf zur Auseinandersetzung mit den Personen, deren Geschichten oft im Verborgenen bleiben. Indem sie die Frauen sichtbar macht, möchte die Künstlerin Daniela Helfrich einen Dialog über Prostitution und die damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen anstoßen.