In Stuttgart, einer Stadt voller Geschichte und kulturellem Erbe, gibt es viele ungenutzte Orte, die als „Lost Places“ bekannt sind. Diese verlassenen Gebäude stehen aus verschiedenen Gründen leer – sei es wegen fehlender Sanierungsmittel, unklarer Besitzverhältnisse oder mangelndem Interesse der Eigentümer. Solche Orte bieten nicht nur einzigartige Fotomotive, sondern dokumentieren auch die Vergangenheit und wecken die Neugier der Entdecker.

Ein Beispiel ist das Offizierscasino auf dem Hallschlag, ein 115 Jahre altes Gebäude, das mittlerweile verrottet ist. Die Stadt Stuttgart hat kein Interesse am Kauf, da die Sanierungskosten zu hoch wären, während der aktuelle Besitzer kaum Anstalten macht, in das Gebäude zu investieren. Auch die Villa Berg, einst königliche Sommerresidenz und über 170 Jahre alt, wurde 2015 von der Stadt erworben, verfällt aber zusehends, obwohl eine Sanierung geplant ist.

Verlassene Orte und ihre Geschichten

Das Stadtbad Bad Cannstatt, das 2022 nach der Eröffnung des Sportbads im Neckarpark geschlossen wurde, steht seit über vier Jahren leer und ist dem Verfall preisgegeben. Ähnlich ergeht es der Bettfedernfabrik an der Ecke Hofener Straße/Zuckerleweg, die seit über 20 Jahren ungenutzt ist. Hier gibt es Schwierigkeiten bei der Wohnbebauung, unter anderem wegen wechselnder Eigentümer. Ein weiteres Beispiel ist der Gaskessel in Stuttgart, ein 100 Meter hohes Wahrzeichen, das 2021 stillgelegt wurde. Trotz Denkmalschutz scheitern die Umnutzungspläne an den hohen Kosten.

Das Öl-Epple-Areal, einst Standort von Stuttgarts größtem Umweltskandal, ist mittlerweile zwar sauber, doch die Zukunft des Areals bleibt ungewiss. Der Bahnhof Münster hingegen ist stark verwahrlost; die Fassade bröckelt, und Müll hat sich rund um das Gebäude angesammelt. Es steht unter Denkmalschutz, und Fenster sowie Türen sind zugenagelt.

Die ehemalige Reichsbahndirektion und Stuttgart 21

Ein besonders bemerkenswerter Lost Place in Stuttgart ist die ehemalige Reichsbahndirektion (RBD), die 1914 erbaut wurde und direkt neben dem Hauptbahnhof liegt. Dieses Gebäude war einst für ein großes Gebiet in Württemberg und Nordbaden zuständig. Nach der Bahnreform wurde die RBD für verschiedene Zwecke genutzt, unter anderem als Ausweichquartier für die Stadtverwaltung während der Rathaus-Sanierung von 2003 bis 2005. Auch Vorlesungen der Universität Stuttgart fanden dort vorübergehend statt. Seit 2011 steht die RBD leer.

Im Rahmen des Bahnprojekts Stuttgart 21 wurde das Gebäude untertunnelt, da Züge darunter fahren. Es steht unter Denkmalschutz und wurde auf Stelzen gestellt, um die Untertunnelung zu ermöglichen. Die P+B Group plant eine Neugestaltung des Gebiets um die ehemalige Bundesbahndirektion, nachdem die Bauarbeiten für Stuttgart 21 abgeschlossen sind. Ein Ideenwettbewerb zur Neugestaltung des Areals wurde 2018 initiiert, und das Architekturbüro KSP Jürgen Engel hat diesen gewonnen. Weitere Informationen zu diesen faszinierenden Lost Places in Stuttgart finden Sie hier.

Lost Places sind nicht nur verlassene Orte, sie sind auch Fenster in die Vergangenheit, die von der Natur zurückerobert werden. Ihre besondere Anziehungskraft zieht Abenteurer und Geschichtsinteressierte gleichermaßen an. Während die Stadt Stuttgart sich bemüht, einige dieser Orte zu revitalisieren, bleibt die Frage offen, wie viele von ihnen letztlich erhalten bleiben oder in neue Projekte integriert werden können. Ein weiterer Blick auf die Entwicklung dieser Lost Places und deren Bedeutung für die Stadt kann uns helfen, die kulturelle Identität Stuttgarts besser zu verstehen.