Im Jahr 1975 begann ein Prozess, der in die deutsche Rechtsgeschichte eingehen sollte: der Stammheim-Prozess gegen die Führung der ersten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF). Am 21. Mai 1975 fiel der erste Hammer im Hochsicherheitsgefängnis Stammheim in Stuttgart. Dieses Verfahren gilt als eine der aufwendigsten juristischen Aufarbeitungen in der Bundesrepublik Deutschland und umfasst sage und schreibe 15.000 Seiten an Wortprotokollen, zahlreiche Tonbänder und seltenes Archivmaterial. Der Prozess ist somit das am besten dokumentierte in der bundesdeutschen Geschichte, was die Komplexität und die Herausforderungen der damaligen Zeit widerspiegelt. Mehr Informationen dazu finden sich in einem aktuellen Dokudrama.

Besonders prägnant wurde Stammheim durch den Prozess zu einem identitätsstiftenden Ort der RAF. Die Angeklagten, darunter bekannte Namen wie Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe, waren für zwei Sprengstoffanschläge auf US-Einrichtungen im Jahr 1972 verantwortlich. Der Prozess dauerte insgesamt 192 Verhandlungstage und kostete den Staat rund 20 Millionen Mark, wovon die Hälfte in den Bau des Gerichtsgebäudes floss. In dieser Zeit wurden etwa 40.000 Beweismittel gesammelt und fast 1.000 Zeugen geladen. Auch wenn die Angeklagten ihre Taten als Widerstand gegen das „imperialistische System“ rechtfertigten, war der Prozess von heftigen Auseinandersetzungen und Provokationen geprägt, die die Justiz vor große Herausforderungen stellten.

Das Dokudrama und seine Perspektiven

Ein Dokudrama, das die Lebenswelt der Angeklagten rekonstruiert, wirft nun einen neuen Blick auf diese historische Phase. Es nutzt die Perspektive von Horst Bubeck, einem Vollzugsbeamten mit intensivem Kontakt zu den Inhaftierten, der auch ein wichtiger Zeuge im Untersuchungsausschuss nach dem Tod der RAF-Terrorist:innen im Oktober 1977 war. Die szenischen Teile des Dokudramas wurden am Originalschauplatz im siebten Stock der JVA Stammheim gedreht und verknüpfen Archivmaterial mit spannenden Inszenierungen. Die Hauptrollen im Dokudrama spielen Lilith Stangenberg (Gudrun Ensslin), Henning Flüsloh (Andreas Baader), Tatiana Nekrasov (Ulrike Meinhof) und Rafael Stachowiak (Jan-Carl Raspe). Die Ausstrahlung des Dokudramas „Stammheim – Zeit des Terrors“ ist für den 19. Mai 2025 um 20:15 Uhr im Ersten geplant.

Das Dokudrama stützt sich auf Protokolle, schriftliche Mitteilungen und Erinnerungen von Zeitzeugen und bietet eine tiefere Einsicht in die Geschehnisse des Prozesses. Originalaufnahmen vom Prozess und dem Untersuchungsausschuss werden geschickt in die Erzählung integriert, wodurch die Zuschauer:innen nicht nur die Perspektive der Angeklagten, sondern auch die der Justiz und der Vollzugsbeamten verstehen können.

Ein Blick in die Vergangenheit und die Gegenwart

Die Erinnerungen an den Stammheim-Prozess sind untrennbar mit dem „Deutschen Herbst“ 1977 verbunden, als die gesellschaftlichen Spannungen ihren Höhepunkt erreichten. Ulrike Meinhof erhängte sich in ihrer Zelle, und Holger Meins starb vor Prozessbeginn an den Folgen eines Hungerstreiks. Die anderen Angeklagten, Baader, Ensslin und Raspe, begingen kurz nach der Urteilsverkündung Suizid. Der Prozess wird nicht nur als „Monstrum in der Rechtsgeschichte“ bezeichnet, sondern auch als ein entscheidender Moment in der Auseinandersetzung mit politischem Extremismus in Deutschland.

Aktuell stehen wir in einer Zeit, in der die Diskussion über Terrorismus und Extremismus wieder an Bedeutung gewinnt. Ein Beispiel ist der Fall der mutmaßlichen Terroristin Daniela Klette, die wegen versuchten Mordes und anderer Delikte vor Gericht steht. Die Auseinandersetzung mit den Lehren aus der Vergangenheit bleibt also lebendig und relevant.