Beim Neujahrsempfang in Weinstadt wurde eine besondere Feierlichkeit begangen: der Beutelsbacher Konsens feierte sein 50-jähriges Bestehen. Dieser Konsens hat sich seit seiner Entstehung im Jahr 1976 zu einer zentralen Leitlinie für die demokratische politische Bildung in Deutschland entwickelt. Die Veranstaltung wurde von der Direktorin der Landeszentrale für Politische Bildung, Sibylle Thelen, eröffnet, die in ihrer Rede die Relevanz des Beutelsbacher Konsens in Zeiten gesellschaftlicher Spaltungen und unversöhnlicher Gruppen hervorhob. Sie betonte, wie wichtig es ist, dass Schülerinnen und Schüler im Geiste von Demokratie, Menschenwürde und Gleichberechtigung erzogen werden.
Der Beutelsbacher Konsens ist das Ergebnis eines einstimmigen Beschlusses, der während einer Tagung der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg in Beutelsbach formuliert wurde. Diese Initiative, die von Siegfried Schiele und Herbert Schneider organisiert wurde, entstand vor dem Hintergrund der politischen Bildung nach dem Zweiten Weltkrieg und wollte sich von der politisch einseitigen Erziehung im Dritten Reich deutlich abgrenzen. Die Grundsätze des Konsenses sind simpel, aber wirkungsvoll und umfassen das Überwältigungsverbot, das Kontroversitätsgebot und die Schülerorientierung.
Die Grundsätze des Beutelsbacher Konsens
Die drei Prinzipien des Beutelsbacher Konsens lauten:
- Überwältigungsverbot: Lehrkräfte dürfen ihren Schülern nicht ihre Meinung aufzwingen, um eine unvoreingenommene Diskussionskultur zu fördern.
- Kontroversitätsgebot: Kontroversen in Wissenschaft und Politik müssen im Unterricht behandelt werden, um einer Indoktrination entgegenzuwirken.
- Schülerorientierung: Schüler sollen befähigt werden, ihre politischen Positionen zu analysieren und aktiv am politischen Prozess teilzunehmen.
Während der Veranstaltung wurde auch auf die fortwährende Debatte um den Beutelsbacher Konsens eingegangen. Kritiker äußern Bedenken, dass das Kontroversitätsgebot oft als Neutralitätsgebot verstanden wird, was zu einer Form der Entpolitisierung in der politischen Bildung führen könnte. Diese missverstandene Auslegung hat dazu geführt, dass Lehrkräfte häufig behaupten, sie müssten extremistische Positionen im Unterricht gleichwertig behandeln. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hebt hervor, dass eine kritische Auseinandersetzung mit Extremismus unabdingbar ist und Lehrkräfte nicht politisch neutral sein müssen.
Die Themen rund um den Beutelsbacher Konsens werden nicht nur in der schulischen, sondern auch in der außerschulischen politischen Bildung behandelt und er ist entscheidend für die Ausbildung einer demokratiefähigen Zukunft. In Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Spaltung erscheint die Botschaft des Konsenses umso drängender. Sie bleibt ein bedeutendes Element der politischen Bildung in Deutschland und wird weiterhin als ein Minimalkonsens zwischen den unterschiedlichen Positionen verstanden.