In der malerischen Stadt Schorndorf, wo Tradition und Moderne aufeinandertreffen, gibt es eine ganz besondere Persönlichkeit, die seit Jahrzehnten einen festen Platz in der lokalen Kultur einnimmt. Rolf Klostermann, 89 Jahre alt, ist der älteste Turmbläser des CVJM-Posaunenchors und besteigt jeden Sonntag zweimal den Turm der Stadtkirche, um die Stadt mit seinen Klängen zu erfreuen. Kurz vor 8 Uhr und kurz vor 11 Uhr ertönen seine Melodien über die Dächer Schorndorfs, und das bereits seit 1978. Mit insgesamt 2780 Aufstiegen hat Rolf Klostermann nicht nur eine beeindruckende Bilanz, sondern hat sich auch das Ziel gesetzt, bis zu seinem 3000. Aufstieg zu kommen, was er in den nächsten zweieinhalb Jahren erreichen könnte. Für ihn ist das Treppensteigen nicht nur ein Teil seiner Routine, sondern auch ein ausgezeichnetes Training.

Das Turmblasen in Schorndorf hat eine jahrhundertelange Tradition und wird jeden Sonntagmorgen von einer Bläsergruppe des Posaunenchors durchgeführt. Der Turmchoral wird in alle vier Himmelsrichtungen gespielt und bringt den Menschen in der Stadt Freude und Besinnung. An sehr kalten Tagen oder bei starkem Regen muss der Turmdienst leider entfallen, da die großen Instrumente dann nicht mehr spielfähig sind. Doch an den meisten Sonntagen sind die Gäste herzlich willkommen, den Klängen auf dem Turm zu lauschen. Eine Liste der aktuellen Turmchoräle ist für Interessierte verfügbar, ebenso wie ein kurzes Video über die Stadtkirche und die Turmbläser.

Die Bedeutung des Turmblasens

Das Turmblasen, auch als Turmmusik bekannt, hat seinen Ursprung in den mittelalterlichen Bräuchen, die von Türmern und Stadtpfeifern ausgeführt wurden. Es umfasst regelmäßige musikalische Darbietungen vom Kirch- oder Rathausturm, die oft mit Hornsignalen kombiniert werden. Mit der Abschaffung des Türmerberufes entwickelte sich das Turmblasen zu einem kirchlichen Volksbrauch, der von Laienmusikern besonders an christlichen Feiertagen nachgegangen wurde. Im deutschsprachigen Raum erreichte die Turmmusik im 15. Jahrhundert ihre Hochblüte, insbesondere in Städten wie Leipzig und Lübeck.

Im 17. Jahrhundert war die Turmmusik eine der populärsten Musikarten, und auch im 19. Jahrhundert erlebte die Tradition eine Wiederbelebung durch evangelische Laienspieler in Posaunenchören. Diese Bläserchöre versammeln sich regelmäßig, um Choräle zu spielen, oft auf Kirchtürmen oder Erkern. Heutzutage wird aus praktischen Gründen manchmal ein anderer Ort gewählt, doch der Name bleibt gleich. So wird das Erbe des Turmblasens lebendig gehalten und in die Zukunft getragen.

Rolf Klostermann und seine Mitstreiter im Posaunenchor Schorndorf sind somit nicht nur Musiker, sondern auch Hüter einer wertvollen Tradition, die die Herzen der Menschen berührt und die Gemeinschaft stärkt. Wer die Gelegenheit hat, sollte sich unbedingt einen Sonntag in Schorndorf gönnen und den Klängen des Turmblasens lauschen – ein Erlebnis, das die Seele erfreut und den Geist inspiriert.