Die Nordsee-Insel Borkum steht aktuell im Mittelpunkt zweier umstrittener Traditionen, die in der letzten Zeit heftige Diskussionen ausgelöst haben. So hat die Tierschutzorganisation Peta eine Beschwerde gegen den Brauch der Borkumer Jungens eingelegt, bei dem ein lebender Hahn als Wetter-Orakel auf einem Maibaum platziert wurde. Peta bezeichnen diese Praxis als „leidvoll“ und forderte sowohl den Verein als auch das Veterinäramt des Landkreises Leer auf, diesen Brauch zu unterlassen. Der Hahn, der als positives Zeichen für einen schönen Sommer galt, verbrachte zuvor zwei Tage in einem Korb hoch oben in einem Baum, versorgt mit Nahrung und Wasser. Veterinär Ferdinand Busch aus Ostfriesland äußerte sich zudem kritisch über die fehlende Bewegungsfreiheit des Tiers und stellte fest, dass die Tradition nicht mehr zeitgemäß sei.
Das Veterinäramt, das von Peta Hinweise erhalten hatte, erklärte, keine konkreten Anzeigen vorliegen zu haben. Kreissprecher Philipp Koenen verkündete, dass dieser Brauch nicht mehr fortgeführt werde und die Angelegenheit für den Landkreis damit erledigt sei. Der Vorstand der Borkumer Jungens hat mittlerweile reagiert: Der Hahn bleibt in Zukunft in seinem Stall, während das Pfingstfest auf Borkum weiterhin mit Tanz und Gesang gefeiert wird. Vereinsvorsitzender Maximilian Rau betonte, dass diese Entscheidung bereits vorher gemeinsam mit der Stadtspitze getroffen wurde. Peta-Funktionär Peter Höffken zeigte sich erleichtert über die Einsicht des Vereins, dass die Praxis ethisch nicht vertretbar sei.
Traditionen im Wandel
Ein weiteres Thema, das auf Borkum für Aufruhr sorgt, ist der Brauch des Klaasohm-Fests, das regelmäßig am 5. Dezember gefeiert wird. Laut einem Bericht von tagesschau.de häuften sich die Empörungen über die Tradition, bei der kostümierte Männer Frauen mit Kuhhörnern „schlagen“. Diese tradierten Praktiken stehen seit der Veröffentlichung eines kritischen Berichts von STRG_F und Panorama verstärkt in der Kritik. Die Polizei hat angekündigt, eine Null-Toleranz-Linie ins Leben zu rufen, und bietet Unterstützung für Frauen an, die Gewalt erfahren haben.
Die Thematik wurde durch ein virales Video verstärkt, das über 400.000 Aufrufe auf YouTube verzeichnete. In diesem sind anonymisierte Frauen zu sehen, die von Männern festgehalten und geschlagen werden. In Reaktion darauf hat sich der Verein der Borkumer Jungens klar vom Brauch des Schlagens distanziert und eine Abschaffung dieser Tradition angekündigt. Bürgermeister Jürgen Akkermann hingegen bezeichnete die Berichterstattung als tendenziös und unseriös, und behauptete, dass die Recherche ein verzerrtes Bild der Traditionen auf Borkum zeichne. Der historische Hintergrund des Klaasohm-Brauchs beziehe sich auf die Zeit der Walfänger und die damit verbundenen Machtverhältnisse nach monatelanger Abwesenheit auf See.
Schritt in die Zukunft
Inmitten dieser Kontroversen zeigt sich, dass die Gesellschaft auf Borkum in einem Prozess des Wandels steht. Während der Verein Borkumer Jungens die Traditionen hinterfragt und anpasst, um den ethischen und gesellschaftlichen Anforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden, bleibt die Diskussion darüber, wie solche Bräuche in Zukunft gestaltet werden sollten, lebhaft. Auch die Thematik der Zweitwohnungssteuer und das Bohren nach Gas vor der Küste sind Teil des aktuellen Diskurses auf Borkum. Die Entwicklungen rund um die Traditionen der Insel erfordern daher einen sensiblen Umgang mit Kultur und Tierwohl, um Traditionen zeitgemäß weiterzuführen.