In der kleinen Stadt Bönnigheim wird ein faszinierendes Kapitel der deutschen Kulturgeschichte lebendig: die Nachgeburtsbestattung. Kurt Sartorius, der Pionier dieser Forschung, begann 1984 mit seinen Ausgrabungen und entdeckte seither 39 Keller, in denen Töpfe gefunden wurden, die mit diesem alten Brauch in Verbindung stehen. Diese Entdeckungen haben nicht nur die lokale Geschichte bereichert, sondern auch das Bewusstsein für diesen Brauch in ganz Deutschland geschärft. Der Brauch der Nachgeburtsbestattung, der in vielen alten Kulturen bekannt ist, wurde durch Sartorius‘ umfangreiche Forschungsarbeit einem breiteren Publikum zugänglich gemacht.

Besonders markant war das internationale wissenschaftliche Kolloquium „Damit’s Kind g’sund bleibt – Tabu Nachgeburtsbestattung“, das 1997 in Bönnigheim stattfand und von der Historischen Gesellschaft organisiert wurde. Die Ergebnisse des Kolloquiums wurden anschließend vom Verein veröffentlicht, und die Historische Gesellschaft hat seither eine Sammlung zu diesem Thema angelegt. Im Bönnigheimer Museum wird die Abteilung „Kindesglück – magische Bräuche um Liebe und Geburt“ präsentiert, die den Mythos der Nachgeburtsbestattung eindrucksvoll in Szene setzt.

Die Bedeutung der Ausgrabungen

Die Ausgrabungen in den mittelalterlichen Kelleranlagen von Bönnigheim haben mehrfach Deckeltöpfe aus Ton zutage gefördert. Sartorius verband diese Funde in den 1980er Jahren mit dem Brauch der Nachgeburtsbestattung, was anfangs auf Skepsis stieß. Doch neuere wissenschaftliche Analysen, die Hämoglobin und Östrogene in den Topfinhalten nachwiesen, bestätigten seine Vermutung. In Deutschland werden zunehmend solche Töpfe in alten Hauskellern entdeckt, was darauf hinweist, dass dieser Brauch, der besonders im Zeitraum zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert in Südwestdeutschland verbreitet war, ein bedeutendes, jedoch zeitweise tabuisierte Ritual darstellt.

Das Schwäbische Schnapsmuseum, unter der Leitung von Sartorius, stellt nicht nur die Nachgeburtsbestattung in den Kontext der regionalen Kulturgeschichte, sondern ist auch ein wichtiger Werbeträger für die Stadt Bönnigheim. Auf verschiedenen Veranstaltungen, wie dem Maimarkt Mannheim oder dem Cannstatter Volksfest, wird das Museum präsentiert und zieht dadurch zahlreiche Besucher an. Die Medienberichterstattung über Rundfunk, Fernsehen, Tageszeitungen und Fachzeitschriften trägt ebenfalls zur Bekanntheit des Museums und seiner Themen bei.

Ein Blick in die Zukunft

Die Forschung zur Nachgeburtsbestattung wird auch in naher Zukunft fortgesetzt. Ein weiteres Kolloquium, das vom Förderverein Museum im Steinhaus und der Historischen Gesellschaft Bönnigheim organisiert wird, findet am 21. und 22. September 2024 im Institute Hohenstein statt. Experten werden das Thema „Nachgeburtsbestattung“ aus verschiedenen Perspektiven beleuchten, einschließlich Forschungsgeschichte, Volkskunde und Archäologie. Die Teilnahmegebühr beträgt 130,00 €, was auch ein Catering und Getränke umfasst. Anmeldungen sind erforderlich und können per E-Mail an die angegebene Adresse gesendet werden.

Um mehr über diesen faszinierenden Brauch zu erfahren und die Ergebnisse der Forschung zu verfolgen, lohnt sich ein Besuch im Bönnigheimer Museum, das eine umfangreiche Sammlung von Bestattungstöpfen beherbergt, die über Jahrzehnte von Kurt Sartorius zusammengetragen wurden. Die Relevanz dieses Themas in der heutigen Zeit zeigt sich nicht nur in der Forschung, sondern auch in der breiten kulturellen Diskussion über Geburt, Tod und die Rituale, die damit verbunden sind.