Am vergangenen Wochenende fand in Bietigheim-Bissingen eine bemerkenswerte Veranstaltung statt, die sich ganz dem Erhalt und der Förderung der aramäischen Sprache widmete. Barbara Üzel von der Freien Universität Berlin präsentierte zwei internationale Projekte, die darauf abzielen, das Sprachenlernen zu fördern und die aramäische Kultur lebendig zu halten. Ein Highlight war die Vorstellung der Onlineplattform „Surayt-Aramaic Online“, die Kurse mit Lehrbüchern anbietet und somit den Zugang zur neueren Variante des Aramäischen erleichtert.

In diesem Kontext stellte Simone Hanna ihr Buch „Erzählungen aus dem Tur Abdin“ vor, das auf mündlich überlieferten Märchenerzählungen aus einem aramäischen Dorf basiert. Diese Geschichten sind nicht nur kulturell von großer Bedeutung, sondern entsprechen auch einem Kanon, der mit der berühmten Grimm-Sammlung im Deutschen verglichen werden kann. Besonders bemerkenswert ist, dass Hanna feststellte, dass es nur wenig Literatur in gesprochenem Aramäisch gibt, was die Bedeutung ihres Werkes unterstreicht. Frauen aus dem Dorf, die oft die Geschichten in ihrem Dorfdialekt erzählten, fragten sich, warum diese alten Erzählungen aufgeschrieben werden sollten, was die Herausforderung verdeutlicht, Tradition und Moderne miteinander zu verbinden.

Die Vielfalt des Aramäischen

Um die Vielfalt der aramäischen Sprache zu verdeutlichen, sollte erwähnt werden, dass es im Aramäischen etwa 20 bis 30 verschiedene Dialekte gibt. Hanna übersetzte die Geschichten ins gesprochene Aramäisch und das Buch ist auch in deutscher Übersetzung erhältlich. Während der Vorträge im Enzpavillon war der Raum überfüllt mit Besuchern, darunter viele Mitglieder der aramäischen Gemeinschaft und interessierte Gäste. Die anschließende Buchmesse bot ein breites Spektrum an Angeboten, die die Lebendigkeit des Aramäischen zeigten. 20 Autoren aus verschiedenen Ländern präsentierten ihre Werke, darunter Märchenerzählungen, kirchliche Texte, Übersetzungen, Comics, Zeichentrickfilme und Spiele.

Ein weiterer zentraler Aspekt der Veranstaltung war der Online-Kurs „Šlomo Surayt – Ein Einführungskurs ins Surayt-Aramäische (Turoyo)“, der im Rahmen des Aramaic-Online Projects zwischen 2014 und 2017 entwickelt wurde. Dieser Kurs wurde in Zusammenarbeit von vier europäischen Universitäten, darunter die Freie Universität Berlin, die Universität Bergen, die Universität Cambridge und die Universität Leipzig, konzipiert. Unterstützt durch das Erasmus+ Programm der Europäischen Union, bietet der Kurs nicht nur Lernmaterialien, sondern ist auch ein wichtiger Schritt zur Bewahrung dieser vom Aussterben bedrohten Sprache, die von der UNESCO klassifiziert wurde.

Die historische Dimension des Aramäischen

Die Geschichte des Aramäischen reicht weit zurück und ist tief in der kulturellen Geschichte des Nahen Ostens verwurzelt. Aramäisch war in der assyrischen Zeit eine bedeutende Handels- und Diplomatensprache und entwickelte sich aus verschiedenen alten Dialekten. Besonders das Reichsaramäische, das unter den Achämeniden zur überregionalen Reichssprache wurde, hatte einen enormen Einfluss auf die Bildung von Alphabetschriften in verschiedenen Regionen. Trotz der Herausforderungen durch die Ausbreitung des Islams und die damit einhergehende Verdrängung durch das Arabische, blieb Aramäisch in gelehrten jüdischen Kreisen erhalten und wird bis heute in verschiedenen Dialekten, insbesondere in Kurdistan, Nordirak und Nordostsyrien, gesprochen.

Die Veranstaltung in Bietigheim-Bissingen hat eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig es ist, die aramäische Sprache und Kultur zu bewahren und zu fördern. Mit einem bunten Programm aus Lesungen, Vorträgen und einem interaktiven Austausch hat die aramäische Gemeinschaft in Deutschland ein starkes Zeichen gesetzt. Die Besucher konnten bei einer Tasse Kaffee und traditionellem Gebäck in der uralten Sprache stöbern und wurden so Teil eines lebendigen kulturellen Erbes.

Für weitere Informationen zu den Projekten und dem Sprachenlernen im Aramäischen können Interessierte die Bietigheimer Zeitung sowie die Surayt Online Plattform besuchen.