Die Entwicklung einer mitteldeutschen Rüstungsbranche hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. In einem Land, in dem 90% der Rüstungsstandorte im Westen angesiedelt sind, stehen die Staatskanzleien in Dresden, Magdeburg und Erfurt bereit, um von Bundesinvestitionen zu profitieren. Die Teilung Deutschlands hat zu einer ungleichen Verteilung der Rüstungsunternehmen geführt, und in Mitteldeutschland sind nur wenige Rüstungsbetriebe aktiv. Die meisten dieser Unternehmen agieren als Zulieferer für Dual-Use-Produkte, also Produkte, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können, wie Mikrochips, Stahlteile und Reparaturen.

Sachsen führt die Statistik in dieser Region an mit etwa 90 Rüstungsunternehmen, die mehr als 2300 Beschäftigte beschäftigen und einen Umsatz von rund 430 Millionen Euro erwirtschaften. Zum Vergleich: Der Rüstungsriese Rheinmetall erzielte 2024 einen Nettogewinn von über 700 Millionen Euro. Sächsische Betriebe haben die besten Chancen, ihre Umsätze in der aufstrebenden Rüstungsbranche zu steigern. Die Gründung der Koordinierungsstelle Strategische Industriepolitik und Streitkräfte in der Dresdner Staatskanzlei Anfang 2023 und der Start des Forschungsnetzwerks I2SN im Sommer 2023 zielen darauf ab, die Trennung zwischen ziviler und militärischer Forschung zu überwinden. Sachsen möchte aktiv an den Bundesinvestitionen partizipieren, mit einem klaren Fokus auf die Ansiedlung neuer Unternehmen und die Unterstützung bestehender Technologieunternehmen. Wirtschaftsminister Dirk Panter hat sich im Bundesrat für eine stärkere Einbeziehung des Ostens bei Bundeswehr-Investitionen ausgesprochen.

Ein Blick auf die deutsche Rüstungsindustrie

Die deutsche Rüstungsindustrie ist stark konzentriert und wird von einigen wenigen großen Konzernen dominiert. Zu den wichtigsten Akteuren gehören Airbus Defence & Space, Rheinmetall, Krauss-Maffei Wegmann, Thyssenkrupp Marine Systems, Diehl Defence, Hensoldt und Heckler & Koch. Im Jahr 2020 wurden Rüstungsgüter im Wert von etwa 11,3 Milliarden Euro in Deutschland produziert, wobei 63% auf Luft- und Raumfahrt, 21% auf Waffen und Munition und 6% auf landgebundene Kampffahrzeuge entfielen. Die Branche hat in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht, unterstützt durch einen erhöhten Verteidigungsetat und ein zusätzliches Sondervermögen von 100 Milliarden Euro bis 2027.

Für 2024 sind rund 19,8 Milliarden Euro an Rüstungsinvestitionen vorgesehen, die zur Beschaffung moderner Kampfflugzeuge, Transporthubschrauber und anderer wichtiger Ausrüstungen führen sollen. Obwohl die Branche einen historischen Aufschwung erlebt, stehen viele Unternehmen vor Herausforderungen bezüglich ihrer Produktionskapazitäten. Nahezu 70% aller Bundeswehr-Aufträge gehen an mittelständische Firmen, die oft Spezialisten in Nischen sind und somit zur Innovationskraft der Branche beitragen. Der Ukraine-Krieg hat zudem die Rückendeckung für eine Stärkung der Verteidigungsfähigkeit erhöht.

Auswirkungen auf die Automobilindustrie

Im Kontrast zu den boomenden Rüstungszahlen steht die deutsche Autobranche, die sich in einer tiefen Krise befindet. Ursachen für den Abschwung sind unter anderem US-Zölle und Absatzprobleme in China. Im ersten Halbjahr 2025 verzeichneten große Automobilhersteller wie BMW, VW und Mercedes-Benz teils dramatische Rückgänge in ihren Gewinnen. Zulieferer in Rheinland-Pfalz und Saarland leiden unter Auftragsausfällen und den Kosten für den Wandel zu Elektromotoren. In Anbetracht dieser Entwicklungen könnten Unternehmen in den Markt für Rüstungs- oder Dual-Use-Güter einsteigen, um neue Einnahmequellen zu erschließen.

Der Verband der Automobilhersteller (VDA) äußert jedoch Skepsis über die Schaffung neuer Arbeitsplätze in diesem Bereich. Obwohl Dual-Use- und rüstungsnahe Technologien zusätzliche Märkte erschließen könnten, ist die Neuausrichtung in der Rüstungsproduktion nicht einfach. Die Anforderungen im militärischen Bereich unterscheiden sich erheblich von zivilen Standards, was eine komplexe Umstellung erforderlich macht. Dennoch sehen Experten, wie Martin Thul vom Commercial Vehicle Cluster Südwest, die Möglichkeit für Nutzfahrzeughersteller, kürzere Wege zu Dual-Use- oder Rüstungsgütern zu finden.

Insgesamt zeigt sich, dass die deutsche Rüstungsindustrie vor einer spannenden, wenn auch herausfordernden Zeit steht. Während die Branche wächst, müssen die Unternehmen gleichzeitig kreative Lösungen finden, um den Herausforderungen in anderen Sektoren, wie der Automobilindustrie, zu begegnen. Die kommenden Jahre werden entscheidend sein, um die Potenziale der Rüstungsindustrie voll auszuschöpfen und gleichzeitig die Balance zu anderen Wirtschaftsbereichen zu wahren.

Für weitere Informationen zu diesem Thema lesen Sie den vollständigen Artikel auf MDR und BVMW. Weitere Einblicke in die aktuelle Situation der Automobilbranche erhalten Sie bei n-tv.