Stuttgart Aktuell

Vom Abstieg zum Helden

Es ist die 52. Minute – es ist eine typische Szene in einem Spiel mit Filip Kostić: Im Derby d’Italia zwischen Juventus Turin und Inter Mailand überlistet er zunächst seinen Gegner, zündet den Turbo, lässt alle fallen und bedient Adrien Rabiot vorbildlich. Der Franzose muss nur noch einschieben. 1:0 für Juventus. Am Ende siegte Turin am 6. November 2022 mit 2:0.

Auf die dynamischen Läufe ihres Stars hoffen die Serben auch bei der WM in Katar. Am besten gleich im ersten Spiel gegen Mitfavorit Brasilien an diesem Donnerstag in Lusail. In der Gruppe E trifft das Team von Trainer Dragan Stojković neben dem fünfmaligen Weltmeister auf die Schweiz und Kamerun.

Von Groningen nach Stuttgart

Kostić steht seit dieser Saison bei Juventus Turin unter Vertrag. Davor schnürte er in 249 Bundesligaspielen seine Kickerschuhe. Viele kannten den schüchternen Serben nicht, als er im Sommer 2014 beim VfB Stuttgart seine ersten Schritte im Fußball in Deutschland machte.

Der damalige VfB-Sportdirektor und Ex-Stürmer Fredi Bobic steuerte Kostić an den Neckar – für viel Geld. Sechs Millionen Euro legten die Schwaben für den damals 21-Jährigen auf den Tisch. Dort reifte er zum Nationalspieler und debütierte im Juni 2015 für die A-Nationalmannschaft Serbiens. In zwei Jahren beim VfB absolvierte der in Kragujevac geborene Kostić 63 Pflichtspiele. Er absolvierte 59 Spiele in der Bundesliga und weitere vier Mal im DFB-Pokal. Damals ließen acht Tore und 14 Assists noch keinen Rückschluss auf das Höhenflug-Niveau zu, das er erreichen sollte. Körperlich hatte Kostić in seinen ersten Jahren in der Bundesliga noch Nachholbedarf. Trotzdem war er während seiner Zeit beim VfB ein Leistungsträger und stach heraus.

Siehe auch  Das Gesetz zur Stärkung der Rechte von Freiwilligen im Katastrophenschutz trat in Kraft

Zwei Abstiege in zwei Jahren

2016 konnte Kostić jedoch den ersten Abstieg des VfB seit 1975 nicht verhindern. Im Sommer wechselte er für 14 Millionen Euro Ablöse zum Hamburger SV. Ein gutes Geschäft für die Stuttgarter, die nach dem Abstieg auf Transfererlöse angewiesen waren.

Auch für Kostić verlief die Zeit beim HSV erfolglos. Nachdem der Dino in den Vorjahren mehrfach den Abstieg in die 2. Bundesliga verhindert hatte, traf es den Traditionsklub 2018. Es war Kostićs zweiter Abstieg innerhalb von zwei Jahren. In Hamburg bezeichneten sie ihn als einen der Sündenböcke und wollten ihn loswerden.

Goldene Zeit bei Eintracht Frankfurt

Kaum jemand dachte im Sommer 2018, dass dieser Transfer funktionieren würde. Fredi Bobic, mittlerweile Sportdirektor beim damaligen DFB-Pokalsieger Eintracht Frankfurt, erinnerte sich an seinen Spieler aus Stuttgart und brachte den „Ausfall“ an den Main. 300.000 Euro Leihgebühr und eine Kaufoption in Höhe von sechs Millionen Euro reichten dem klammen HSV zur Übergabe. Rückblickend lässt sich sagen: Einer der besten Deals in Bobics Managerkarriere.

Kostić explodierte bei der Eintracht. In 172 Pflichtspielen traf er 33 Mal und bereitete 64 Tore vor. Mit seiner Dynamik, seinem unbändigen Willen und seinem starken linken Fuß eroberte er die Herzen der Fans.

Zu Beginn der Saison 2021 bröckelte jedoch die Liebe der Fans. Kostić wollte nach dem Abgang von Bobic, Trainer Adi Hütter, Stürmer André Silva und Freund Luka Jović zu Lazio Rom streiken. Doch der neue Sportdirektor Markus Krösche gab nicht auf. Kostić blieb und traf gleich im ersten Spiel nach seiner Sperre – ausgerechnet gegen Ex-Klub Stuttgart.

Siehe auch  Mobilitätspakt Walldorf/Wiesloch reagiert mit flexiblen Angeboten

Krönung mit Europa-League-Sieg

Das „beste Spiel meiner Karriere“, wie er im Vereinsfernsehen sagte, bestritt Kostić im April 2022. Im Viertelfinal-Rückspiel gegen den FC Barcelona in der Europa League erzielte er zwei Tore und bereitete ein weiteres im 3:1 vor. 2 gewinnen. Am Ende hielt er sein Trikot mit der Nummer 10 vor die rund 30.000 mitgereisten Eintracht-Fans – wie einst Barca-Legende Lionel Messi beim Erzrivalen Real Madrid.

Die Reise und der Traum vom Titel gingen weiter. Nach dem gelungenen Halbfinale stand Frankfurt im Finale gegen die Glasgow Rangers. Und der Serbe hatte großen Anteil am Triumph der Eintracht. Er bereitete Rafael Borrés 1:1-Unentschieden vor und verwandelte seinen Schuss mühelos ins Elfmeterschießen. Es war der erste professionelle Titel für Kostić, der von der UEFA zum besten Spieler der Europa-League-Saison gekürt wurde.

Der schnelle Linksaußen hat sich nach vier starken Jahren in Frankfurt den Wechsel zu Juventus Turin im August 2022 und einen Spitzenklub in Europa redlich verdient. Für die serbische Nationalmannschaft bestritt er insgesamt 51 Länderspiele. Das Turnier in Katar ist die zweite Weltmeisterschaft für den linken Fuß. Kostić nahm 2018 an der Endrunde in Russland teil, wo die Serben ihr Gruppenspiel gegen Brasilien mit 0:2 verloren.

Heute Nacht haben sie eine Chance auf Rache. Viele Hoffnungen ruhen auf Filip Kostić und seinen hemmungslosen Flügelläufen, die er jahrelang in Stuttgart, Hamburg und Frankfurt auf den Platz warf.

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"