In Deutschland stehen Kleinstädte oft im Schatten ihrer größeren Pendants und werden häufig mit Abwanderung, Überalterung und Leerstand in Verbindung gebracht. Der Kleinstadtkongress, der kürzlich in Wittenberge stattfand, widmete sich diesen Herausforderungen und stellte innovative Ansätze zur Stärkung der Lebensqualität in diesen Regionen vor. Organisiert von der Kleinstadtakademie, die 2024 in Wittenberge ansässig ist und vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen mit über zwei Millionen Euro gefördert wird, brachte der Kongress zahlreiche Akteure zusammen.
Die Themen des Kongresses reichten von der Anwerbung und Integration von Großstädtern bis hin zur Belebung leerstehender Gewerbeflächen und der Etablierung neuer Wohnformen. Brandenburgs Ministerpräsident Dr. Dietmar Woidke betonte die Bedeutung einer Lobby für Kleinstädte, die eine wichtige Rolle für die Demokratie im Alltag spielen. Aktuell leben in den rund 2.100 Kleinstädten Deutschlands über 24 Millionen Einwohner, was etwa einem Drittel der Gesamtbevölkerung entspricht.
Innovative Projekte und Ansätze
Dr. Oliver Hermann, Bürgermeister von Wittenberge, verwies auf die Fähigkeit von Kleinstädten, Lösungen für die Wohnraumproblematik in Großstädten anzubieten. So habe Wittenberge durch Kooperationen mit Wohnungsbaugesellschaften und Projekte wie den „Summer of Pioneers“ bereits Zuzug aus größeren Städten gewonnen. Ein besonderes Projekt präsentierte Matthias Möller, Bürgermeister von Schlüchtern, welcher das „Kaufhaus des Bergwinkels“ vorstellte. Dieses umfasst ein geschlossenes Warenhaus, das zu einem Kultur- und Begegnungszentrum umgebaut wurde, und stellt mit 14.000 Quadratmetern, davon 5.000 Quadratmetern Wohnfläche, ein Paradebeispiel für erfolgreiche Umnutzungen dar.
Eine zentrale Herausforderung, die auf dem Kongress angesprochen wurde, ist die mangelnde Datenlage zu Immobilienmärkten in Kleinstädten, die oft als „Black Box“ gelten. Dr. Annett Steinführer vom Thünen-Institut wies darauf hin, dass eine neue Arbeitsgruppe der Akademie für Raumentwicklung dazu beitragen wird, diese Transparenz zu schaffen. Zudem kündigten acht Kommunen in Ostwestfalen-Lippe an, 2024 eine gemeinsame Entwicklungsgesellschaft zu gründen, um lokale Entwicklungen voranzutreiben, was die Notwendigkeit von interkommunalen Strukturen unterstreicht.
Forschung und Zukunftsperspektiven
Das Forschungsvorhaben BüWoLand beschäftigt sich intensiv mit den Herausforderungen und Chancen des Wohnens in Kleinstädten. Ziel dieses Projekts ist es, die Ortsmitte kleiner Städte und Gemeinden zu stärken und beschäftigte sich vor allem mit den verschobenen Wanderungsmustern und Wohnpräferenzen. Die zentrale Bedeutung von Kleinstädten als Wohnstandorte wurde in der „Schwalenberger Erklärung“ festgehalten, die während des letzten Projekttreffens veröffentlicht wurde. Dieses Projekt, das im Rahmen der Kleinstadtakademie durchgeführt wird, soll als Modell für weitere Entwicklungen dienen.
In der Pilotphase der Kleinstadtakademie werden unter anderem Interkollegiales Coaching und Transferwerkstätten erprobt, um die Attraktivität der Innenstädte zu erhöhen. Die gewonnenen Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen werden langfristig zur Stärkung der Kleinstädte beitragen. Der erste Kleinstadtkongress wurde als gelungen bezeichnet und schloss mit einer Baustellenführung durch das sanierte Bahnhofsgebäude von 1846 in Wittenberge, das bis April 2025 zu einem modernen Mobilitätsknoten umgestaltet werden soll.
Insgesamt zeigt der Kleinstadtkongress, dass Kleinstädte mit Durchhaltevermögen und kreativen Ansätzen ihre Herausforderungen meistern können, um somit auch in Zukunft als attraktive Wohnorte zu bestehen und das Leben ihrer Bewohner zu bereichern. Der BBSR und die damit verbundenen Forschungsprojekte werden einen wesentlichen Beitrag zu dieser Entwicklung leisten.