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Gemeinde Gammelshausen bleibt auf Baustellen

Rund 100 Bewerbungen für ein Neubaugebiet hatte die Gemeinde Gammelshausen im Landkreis Göppingen. Doch nun springt ein Interessent nach dem anderen ab. Und Gammelshausen hat ein Problem: Die Erschließung des Baugebietes hat die Gemeinde insgesamt rund 1,5 Millionen Euro gekostet. Ein Teil des Geldes musste über Kredite finanziert werden. Um diese zurückzahlen zu können, sollten in diesem Jahr elf von insgesamt 19 Baugrundstücken verkauft werden. Aber nur vier Lose wurden zugeteilt.

Bürgermeister sieht deutlichen Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg

Gammelshausens Bürgermeister Daniel Kohl (parteilos) sieht einen klaren Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg: Höhere Lebenshaltungskosten, steigende Kreditzinsen, höhere Sachkosten und vor allem große Verunsicherung der Menschen. Auch zwei Tage vor dem Notartermin für den Grundstückskauf bekommt der Rathauschef nun Absagen. Das könne man finanziell nicht stemmen, sagen die Interessenten. Der Bürgermeister ist nicht gleichgültig.

„Wenn du dann merkst, dass jetzt ein Lebenstraum geplatzt ist, dann nimmt dich das persönlich.“

Daniel Kohl, Bürgermeister Gammelshausen

Gammelshausen verteilte die Bauplätze nach einem Punktesystem

Um die 19 Bauplätze den ursprünglich 100 Bewerbern gerecht zuzuweisen, nutzte die Kommunalverwaltung ein Punktesystem. So haben beispielsweise diejenigen, die sich in Vereinen engagieren, Kinder haben oder noch keine Immobilie besitzen, mehr Punkte erhalten als andere. Die Bewerber mit den höchsten Punktzahlen wurden dann bevorzugt behandelt. Der Bürgermeister verbringt nun viel Zeit damit, Interessenten auf der Nachfolgeliste anzurufen – und bekommt dort auch Absagen.

Der Traum einer jungen Familie vom Traumhaus zerplatzte

Einer der möglichen Nachfolger ist Stefan Gödecke. Er kommt aus Gammelshausen und fühlt sich dort auch zu Hause. Er und seine Frau haben beide gute Jobs. Sie haben zwei Kinder, weshalb es in der bisherigen Wohnung langsam eng wird. Also bewarben sie sich im Neubaugebiet. Aber auf der Punkteliste waren es nur Aufschübe. Als sie die Chance bekamen, einen Bauplatz zu bekommen, war die Zinsschraube bereits angezogen. Alles war schon geplant, doch der Traum vom Traumhaus in Ihrer Traumsiedlung ist vorerst ausgeträumt. Stefan Gödecke und seine Familie können sich den Bau nicht mehr leisten. Hohe Zinsen, steigende Baukosten, deutlich höhere Lebenshaltungskosten als früher bedeuten eine nicht kalkulierbare Unsicherheit.

„Am Ende musste man sagen: Das geht leider nicht. Das belastet uns als vierköpfige Familie zu sehr.“

Stefan Gödecke, interessiert am Bauen in Gammelshausen

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Den Traum vom eigenen Haus hat Familie Gödecke noch nicht aufgegeben. Sie hofft, dass die Zinsen langfristig wieder sinken werden. Bis dahin soll die jetzige Wohnung saniert werden. Die Eltern beziehen das Kinderzimmer. Die Kinder bekommen das Elternschlafzimmer. Und Stefan Gödecke arbeitet weiterhin von zu Hause aus am Küchentisch.

Immer mehr Bauwillige geben auf – nicht nur in Gammelshausen

Auch Gammelshausens Bürgermeister Daniel Kohl hofft auf bessere Zeiten. Acht der 19 Bauplätze wollte die Gemeinde verkaufen, und zwar erst in den nächsten Jahren. Er glaube nicht, dass die Gemeinde den Bauplatz umsonst erschlossen habe.

„Ich bin mir sicher, dass wir auch den letzten Platz verkaufen werden. Die Frage ist nur wann. Das „ob“ stellt sich nicht.“

Daniel Kohl, Bürgermeister Gammelshausen

Die Gemeinde im Landkreis Göppingen ist mit dem aktuellen Problem nicht allein. Das sehen auch andere Kollegen so, sagt Kohl. „Das ist ein Thema im ganzen Land, das wir als Bürgermeister noch nie kannten.“

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